Quelle: Der Jahreskreis, Matthäus Merian, ExLibris Zürich, 1978
Herbstlicht. Wenn die Tage wieder kürzer werden, die Blätter fallen und Mützen, Handschuhe, Schals nötig werden, kommt leichte Melancholie auf. Morgens ist mit einem Mal der Nebel da, der alles in ein diffus-milchiges Licht taucht, und weil er irgendwann gar nicht mehr denkt, sich tagsüber aufzulösen, zieht es einen in die höheren Lagen, dahin, wo die Sonne scheint und der Himmel strahlend blau ist - man will den Sommer noch ein wenig verlängern. Auch wenn man sich beim Spaziergang gegen den Wind stemmen muss. Und seit langem das erste Mal wieder die Nase läuft. Man sieht rauchende Schornsteine, die Sonnenschirme werden verräumt, draussen wird es ungemütlich. Die Blumen auf den Balkonen und Terrassen leuchten als einzig verbliebene Farbtupfer in der rostrot-ockergelben und dann kahlen Natur, bis man sich schweren Herzens von ihnen trennt. Die Farben des Herbstes sind nicht strahlend, sie sind gedämpft. Dafür kehrt der Appetit zurück. Der Magen will gewärmt werden, eine Tasse heissen Tees sorgt für einen Glücksmoment, erst recht, wenn die Finger klamm sind. Und natürlich wird wieder deftiger gekocht. Der zunehmende Kälte wird sozusagen kulinarisch Paroli geboten. Die kalten Hände werden beim Stadtbummel mit Marroni gewärmt. Kürbisse haben Hochkonjunktur genauso wie Randen, Äpfel und Kartoffeln. Und man versucht sich auch etwas zu stärken, mit gesunden Säften zum Beispiel, um dann, wenn der Winter da ist und alle im Bus wieder husten und niesen, gegen drohende Erkältungen gewappnet zu sein.
Quellennachweis: Tibits at home, AT Verlag, 2011